KSFE

Kronshagener Systemischer Fragebogen Erziehungshilfe

 

    1. Grundlagen
    2. Seit weniger als 30 Jahren entwickelt sich in verschiedenen pädagogischen Praxisfeldern eine Sichtweise , in der individuelle Störungen und Auffälligkeiten unter Einbeziehung der an der Störung beteiligten Systeme ( Klasse, Schule, Elternhaus, Peergroup usw. ) betrachtet wird. Der Problemschüler ist demnach kein isoliertes Individuum (pathologisch, krank, gestört), sondern in ein Systemgefüge von sozialen Beziehungen eingebettet, die sein Verhalten mitbestimmen. Innerhalb dieser Systeme bestehen Interdependenzen und zirkuläre Prozesse, in die der Schüler mit seinem Verhalten eingebunden ist. Das Verhalten eines Schülers erfüllt innerhalb dieser Systembezüge einen Zweck, eine Funktion, die für das Individuum nützlich ist. Das Verhalten ist in diesem Sinne folgerichtig und erklärbar. Der Begriff der Verhaltensstörung wird damit unzulässig.

      Obwohl diese Theorie einleuchtend erscheint, vollzog sich der Paradigmenwechsel zunächst in den Naturwissenschaften und der Medizin, dann in der Kommunikationstheorie, seit ca. 35 Jahren in der Sozialpädagogik und erst jetzt im Bereich der Schulpädagogik, teilweise bedingt durch ein fehlendes Repertoire an erprobten Handlungsstrategien und Interventionstechniken.

      Wie kommt es nun zu einer Verhaltensänderung: In der Systemik kommt es darauf an, in festgefahrenen negativen Regelkreisen neue Informationen einzugeben (Unterschiede), Verhalten anders zu interpretieren, um dann verändert reagiern zu können, das Ökosystem Klasse stärker mit zu berücksichtigen, nach funktionierenden Elementen zu suchen (Ressourcen) und die interdependierenden Systeme ( Schule, Elternhaus/Familie) stärker mit zu berücksichtigen. Zuschreibungen und Sichtweisen von Lehrern und Schülern werden verflüssigt. Diese Veränderungen übertragen sich zwangsläufig auch auf die angrenzenden Bezugssysteme. Eine grundlegende Reflexion des Ökosystems Klasse und die damit verbundenen subjektiven aber dennoch sehr bedeutsamen Konstrukte der beteiligten Personen sowie eine deutliche Vision des erwünschten Zielzustandes ist die Voraussetzung, um effektivere Handlungsstrategien zu entwickeln.

4.2 Systemischer Fragebogen

Bevor mit dem eigentlichen Planungs- und Veränderungsprozess begonnen werden kann, sind vielfältige Aspekte zu klären, die die Verflochtenheit und Zirkularität der Systeme und des gesamten Systemgefüges deutlich machen.

KSFE

Kronshagener Systemischer Fragebogen Erziehungshilfe

1. Verflüssigen von Eigenschaften

Schlüsselfragen

wesentlich

X

  1. Bestand das Problem schon immer ?

 

  • Tritt es in allen Stunden auf ?

 

  • Welche Unterschiede gibt es zwischen der ersten und der letzten Stunde ?

 

  • Tritt das Problem in allen Fächern auf ?

 

  • Wie ist es wenn das Kind nicht da ist ?

 

  • Wie verhält sich .... bei den anderen Kollegen ?

 

  • Mit wem kommt ... am besten zurecht ?

 

  • Wer kommt mit ... am besten zurecht?

 

  • Wer ist hilflos ? Wer regt sich auf ?

 

  • Sind in der Klasse noch mehr Kinder die ...?

 

  • Besteht das Problem auch zu Hause ?

 

  • Wie war es auf der anderen Schule ?

 

  • Wie war es auf der Klassenfahrt ?

 

  • Wie lange wird das Problem andauern ?

 

 

2. Lokalisieren von Ausnahmen

Schlüsselfragen

wesentlich

X

  1. In welchen Situationen hat der Schüler/ habe ich das Problem nicht ?

 

  • Wie lassen sich diese Situationen beschreiben ?

 

  • Was ist dann anders ?

 

  • Welche Erklärungen gibt es dafür ?

 

  • Warum habe ich diese Situationen als hilfreich und nützlich erlebt?

 

  • Kann ich diese Phasen wiederholen oder ausdehnen?

 

  • Was muss passieren, damit das Problem weniger oft auftritt?

 

 

3. Umdeutungen

Schlüsselfragen

wesentlich

X

  1. Wie reagiere ich normalerweise auf das problematische Verhalten ? Mit welchem Ergebnis?

 

  • Welche Erklärungen habe ich im Augenblick, weshalb sich .... so verhält?

 

  • Welche anderen positiven Erklärungsmöglichkeiten/Deutungen beschreiben das gleich Verhalten von ..... positiver.

 

  • Welche der positiven Umdeutungen ist für mich am plausibelsten?

 

  • Welche neuen Interventionsmöglichkeiten bzw. sprachlichen Impulse ... ergeben sich daraus?

 

  • Was für Auswirkungen könnte dies auf die Klasse haben?

 

  • Welche Auswirkungen werden sich für die Eltern ergeben ?

 

  • Was würde dies für meine Arbeit bedeuten ?

 

 

 

4. Funktion des Verhaltens

Schlüsselfragen

wesentlich

X

  1. Was verlöre .... wenn er/sie sich morgen nicht mehr so verhielte (angepasst verhalten würde) ?

 

  • Gäbe es für ...etwas zu gewinnen? ja/nein
  • -Falls ja, was?

 

  • Verlöre jemand anderes irgendetwas, wenn das auffällige Verhalten morgen nicht mehr auftreten würde (z.B. Ansehen, Zuwendung, Inhalte....) ?

 

  • Für welche Personen hat das Verhalten Bedeutung?

 

  • Welchen Sinn, welche Funktion lässt sich hinter diesem Verhalten vermuten?

 

  • Wie ließe sich die gleiche Funktion für den Schüler konfliktfreier erfüllen ?

 

 

5. Systembezüge

Schlüsselfragen

wesentlich

X

  1. Für welche Personen hat das Verhalten Bedeutung? In welcher Reihenfolge?

 

  • Wer steht emotional ... am nächsten ?

 

  • Welche Botschaften erhält der Schüler vor seinem auffälligen Verhalten? Von wem ?

 

  • Welche Botschaften erhält der Schüler während seines auffälligen Verhaltens? Von wem ?

 

  • Welche Botschaften erhält der Schüler nach seinem auffälligen Verhalten? Von wem ?

 

  • Welche Botschaften erhält der Schüler in anderen Systemen im Hinblick auf sein auffälliges Verhalten ? Von wem ?

 

  • Wer profitiert am meisten vom augenblicklichen Verhalten ?

 

  • Wer würde von einer Veränderung profitieren ?

 

 

6. Aufspüren von Fremdressourcen

Schlüsselfragen

wesentlich

X

  1. Was kann .... gut ?

 

  • Wo ist sie/er besser geworden ?

 

  • Was sollte sich bei .... nicht ändern ?

 

  • Welche Ressourcen sehe ich im Elternhaus, in der Klasse, im Kollegium ?

 

  • Welche Ressourcen möchte ich für mein weiteres Vorgehen nutzen ?

 

  • Welche Personen sind ebenfalls an einer Änderung interessiert (Verbündete) ?

 

  • Welche Personen beziehe ich in meine Veränderungsstrategie mit ein ?

 

 

7. Wunder-Perspektive

Schlüsselfragen

wesentlich

X

  1. Woran würde ich erkennen, dass das Problem gelöst ist?

 

  • Was wäre dann anders? Was würde ich dann stattdessen tun, fühlen usw.?

 

  • Was würde ..... dann stattdessen tun, fühlen ?

 

  • Wie würde sich dies auf die Klasse auswirken ?

 

  • In welcher Form würden meine Kollegen diese Veränderung wahrnehmen ?

 

  • Würde sich auch das Verhältnis zwischen mir und den Kollegen verändern?

 

  • Wie würde die Veränderung sich auf meinen privaten Bereich auswirken ?

 

 

8. Aufspüren von Eigenressourcen

Schlüsselfragen

wesentlich

X

  1. Welche Interventionen habe ich bisher unternommen ?

 

  • Was hat davon am besten geklappt ?

 

  • Was hat überhaupt nicht geklappt ?

 

  • Auf Grund welcher persönlicher Eigenschaften habe ich bis heute durchgehalten ?

 

  • Welche Eigenschaften besitze ich noch, die ich positiv beurteile ? Wo liegen meine Stärken ?

 

  • In welchen Situationen/Settings arbeite ich besonders gut ?

 

  • In welchen ähnlichen Fällen habe ich bereits Erfahrungen gesammelt ?

 

 

9. Zielsetzung

Schlüsselfragen

wesentlich

X

  1. Ist mein Ziel in Bezug auf .... wirklich bedeutsam?

 

  • Ist mein Ziel konkret, präzise und verhaltensbezogen? Enthält es Aussagen darüber, was der Schüler stattdessen tun sollte ?

 

  • Enthält es Aussagen darüber, was ich stattdessen tun werde ?

 

  • Kann ich aus meinem Ziel einen Weg ableiten ? Welchen?

 

  • Ist mein Ziel realistisch und erreichbar?

 

Abb: Henning Knödler

10. Skalierungen

Schlüsselfragen

wesentlich

X

  1. Wenn ich ... Verhalten auf einer Skala von 1-10 einordne, wo würde ich dann mit ihm stehen ? (Ziel=10)

 

  • Wenn sich die Situation um einen Punkt verbessert hätte, woran würde ich das merken ?

 

  • Was könnte ich tun, um diesen einen Schritt zu erreichen ?

 

  • Ist mein Teilschritt wirklich klein genug ?

 

  • Wie lange wird es dauern,bis ich diesen Teilschritt erreicht habe ?

 

 

11.Zusammenschau der bedeutsamsten Aspekte

Schlüsselfragen

wesentlich

X

  1. Welche Erkenntnissse erscheinen mir bedeutsam für eine Veränderung zu sein ? (s. rechte Spalten)

 

  • Welches Ziel möchte ich erreichen ? Notieren!

 

  • Woran würde ich merken, dass das Ziel erreicht ist (handlungsbezogen formulieren, stattdessen...)

 

  • Auf einer Skala von 1-10: Wo stehe ich jetzt?
  • 10 = Zielzustand 1 = tiefster Stand

 

  • Woran ist zu erkennen, dass auf der Skala einen weiterer Schritt nach vorn gemacht habe ?

 

  • Welche Resourcen der Schülerin/des Schülers habe ich erkannt, welche möchte ich nutzen?

 

  • Welche Veränderung (Intervention) soll zur Erreichung des ersten Teilschritts genutzt werden ?

 

  • Wann werde ich mit dem 1. Schritt beginnen ?

 

Anm.: Da es uns nicht möglich ist, einen Gedanken absichtlich zu vergessen, können wir sicher sein, dass Fragen auch dann zu neuen Informationen führen, wenn sie nicht abschließend beantwortet werden können. (Palmowski)

 

4.3 Beispiel eines systemischen Planungsrasters

Systemische Planungsraster stellen eine Hilfe bei der Begleitung verhaltensbezogener Lernprozesse dar. Die Arbeit am Planungsraster sollte erst begonnen werden, wenn man über die wesentlichsten Punkte des systemischen Diagnosebogens klare Vorstellungen gewonnen hat. Das Planungsraster ist im Sinne eines Entwicklungsplans (IEP) fortzuschreiben.

 

Anliegen

Zielzustand

Skalierung

Teilschritt

Ressourcen (Ist)

Wie erreichbar

In welchem Kontext zeigt der Schüler/die Schülerin welches problematische Verhalten?

Zu beschreiben in positiven Formulierungen, nicht mit "soll nicht weiter" o.ä.

"stattdessen" ist der Schlüsselbegriff

Auf einer Skala von 1-10: Wo stehe ich jetzt?

10 = Zielzustand

1 = tiefster Stand

Woran ist zu erkennen, dass auf der Skala ein weiterer Schritt nach vorn erreicht wurde (positive Formulierungen)

Welche Ressourcen  kann ich nutzen? (Ist-Zustand, Eigen- und Fremd- ressourcen)

 

Welche Wege sollen zur Erreichung/Annäherung an den Teilschritt führen?

Provoziert den Lehrer verbal in Einführungsphasen

 

 

Hört während der Einführungsphasen interessiert zu

3

Setzt sich ohne Aufforderung auf seinen Platz

Sucht Kontakt zum Lehrer.

Kann in Einzelsituationen

konzentriert arbeiten.

- Umdeutung: Möchte mit

dem Lehrer sprechen

- Gespräch außerhalb des

Klassenraums

  • Kontingenzvertrag
  • Signale (Zunicken), Kontakt

 

 

 

 

 

 

 

Datum:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Datum:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Datum:

 

 

 

 

 

 

 

 

Datum:

 

 

 

 

4.4 Kontextanalyse mit Hilfe der Struktur-Legetechnik

Eine zusätzliche Hilfe bei der Planung stellt die Kontextanalyse mit Hilfe der Struktur-Legetechnik dar. Die gewonnenen Bezüge und Strukturen bestimmer zirkulärer Prozesse können hier in ihrer Abfolge, Laufrichtung und in ihren personellen Bezügen dargestellt werden. Als Hilfsmittel haben sich verschiedenfarbige Kärtchen bewährt, die auf einer Unterlage zueinander in Beziehung gesetzt werden. Die Technik erlaubt eine übersichtliche Darstellung häufig wiederkehrender, verhärteter Abläufe. Günstige Zeitpunkte für eine mögliche Intervention können ermittelt werden. Bei der Planung von neuen Impulsen können an unterschiedlicher Stelle Informationen (Unterschiede) eingegeben werden. Die möglich Wirkung wäre zu reflektieren.

 

Verwendete Literatur:

Winfried Palmowski; (1995 2. Aufl.), Der Anstoß des Steines, Borgmann, Dortmund

Claudius Henning/Uwe Knödler; (1999), Problemschüler, Problemfamilien, Beltz, Weinheim

Alex Molnar/Barbara Lindquist;(2000 6. Aufl.), Verhaltensprobleme in der Schule, Borgmann, Dortmund

Walter Spiess (Hrsg); (1998), Die Logik des Gelingens, Borgmann, Dortmund

Claudius Henning/Gustav Keller; (1992) Lehrer lösen Schulprobleme, Auer, Donauwörth

Günter G.Bamberger; (1999), Lösungsorientierte Beratung, Beltz, Weinheim

nach oben