KMK-Empfehlung Emotionale und soziale Entwicklung 

Lehrplan Sonderpädagogische Förderung Schleswig-Holstein   

Entwicklungsbereich:  Personale und soziale Identität

Förderschwerpunkt: Emotionale und soziale Entwicklung

Diagnostik im Förderschwerpunkt Emotionale und soziale Entwicklung

Sonderpädagogische Diagnostik

3.3 Personale und soziale Identität

Identität ist die Einzigartigkeit des Menschen. Sie umfasst zwei Dimensionen:

• die personale Dimension, das Empfinden der Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit der eigenen Person und

• die soziale Dimension, das Empfinden der Akzeptanz und Anerkennung durch die anderen, durch die soziale Umwelt.

Die Entwicklung der Identität ist von zentraler Bedeutung für eine den Menschen zufriedenstellende Lebensbewältigung und -gestaltung. In einer zunehmend komplexen Welt stellt die Identitätsbildung eine ständige Herausforderung dar.

Schülerinnen und Schüler in der Entwicklung ihrer Identität zu unterstützen., ist eine grundlegende pädagogische Aufgabe. Dazu gehört im System Schule, identitätsfördernde Bedingungen zu gestalten und dabei die besonderen Lebenserschwernisse der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf zu berücksichtigen.

Identität kann nur im Austausch mit anderen entwickelt und muss in Interaktion mit der Umwelt ständig neu gewonnen werden. Die Identitätsentwicklung verläuft im Spannungsfeld zwischen Selbstverwirklichung und sozialer Standortfindung.

Die Bildung von Identität als Ausbalancierung der personalen und sozialen Dimension erfordert vom Einzelnen, seine eigenen Wertmaßstäbe, Bedürfnisse und Interessen einzubringen und sich gleichzeitig auf die Anforderungen und Erwartungen seiner Umwelt einzulassen. Dabei ist ein Ausgleich eigener und fremder Ansprüche herzustellen. Das setzt auf der einen Seite die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich geltenden Werten und Normen voraus, auf der anderen Seite erfordert es eine Bewusstheit der persönlichen Bedingungen, Bedürfnisse, Interessen und Einstellungen.

Eine spezifische Ausprägung der Identität ergibt sieh aus der Geschlechtszugehörigkeit. Wesentliche Ursachen dafür liegen in den unterschiedlichen, häufig traditionell bedingten Rollenzuschreibungen.

 

3.3.1 Aspekte der Identitätsentwicklung

Identitätsbildende Prozesse entstehen durch die Konfrontation und Auseinandersetzung der Schülerinnen und Schüler mit

• ihrem Körper

• ihren Emotionen

• ihrer Familie und weiteren sozialen Netzwerken

• Medien

• ihrer Arbeit und Leistung

• ihren ökonomischen und ökologischen Rahmenbedingungen

• Normen, Werten und Moralvorstellungen

• hierarchischen Strukturen

Die Bereiche sind wechselseitig aufeinander bezogen, wobei ständig Schwerpunktsetzungen und Akzentverschiebungen vorgenommen werden. Entscheidend für die Identitätsentwicklung ist, dass es den Schülerinnen und Schülern gelingt, eine Balance zwischen ihnen herzustellen. Voraussetzung sind vielfältige Interaktionserfahrungen in jedem Bereich. Diese werden auf der Grundlage individueller Modellvorstellungen subjektiv gedeutet und verarbeitet.

Durch Interaktionen in diesen Bereichen entwickelt sich sowohl die personale als auch die soziale Dimension der Identität, wobei es zu geschlechtsspezifischen Ausprägungen kommt.

Im körperbezogenen Bereich

• bildet sich die personale Dimension durch das Erleben des eigenen Körpers, das subjektive Wohlbefinden, das Körpergefühl einschließlich Gesundheit und Sexualität.

• entsteht die soziale Dimension aus dein Erkennen und Fühlen von Gemeinsamkeiten in der Entwicklung und Ausprägung des Körpers: Geschlecht, ähnliche körperliche Merkmale, Krankheiten, gleiche lebensgeschichtlich oder situationsbedingte Erfahrungen.

Durch den Umgang mit Emotionen

• entwickelt sieh die personale Dimension aus der Wahrnehmung und dem Erkennen eigener Gefühle, ihrer Einflussnahme auf das persönliche Handeln und der individuellen Möglichkeit, situationsangemessen mit ihnen umzugehen.

• bildet sich die soziale Dimension sowohl aus dem Erfahren der Wirkung persönlicher Gefühlsäußerungen auf andere und deren Umgang mit Gefühlen als auch aus der Fähigkeit, sich in die Gefühle anderer hineinzuversetzen.

Durch die Einbindung in die Familie und weitere soziale Netzwerke

• entsteht die personale Dimension vor dem Hintergrund des sozialen Beziehungsgeflechts in der Mutter/Eltern-Kind-Beziehung, in der Familie, im Freundeskreis, in peer-groups, in der Schule, in Ausbildung und Beruf.

• ergibt sich die soziale Dimension durch die soziale Eingebundenheit in bestimmte Gruppen. Diese kann positiv und solidarisch erlebt werden oder zur Abgrenzung führen.

Durch Medien

• wird die personale Dimension geprägt durch die Wirkung der virtuellen auf die reale Lebenswelt. Medien können die individuellen Vorstellungen des Menschen von sich und der Welt, seine persönlichen Lebenswünsche und -ziele sowie seine Lebensgestaltung nachhaltig beeinflussen.

• entwickelt sich die soziale Dimension durch die gemeinsame Teilhabe an gesellschaftlichen Entwicklungen und Trends, den Zugang zu einem gemeinsamen Wissen sowie durch die Identifikation mit gleichen Figuren, Personen und Szenarien.

Durch Arbeit und Leistung

• entfaltet sich die personale Dimension aus dem Erkennen und der Verwirklichung der eigenen Tätigkeit und Arbeit im schulischen und außerschulischen Bereich. Maßgebliche Einflussfaktoren sind neben den jeweiligen Inhalten Motivation, Anerkennung und Erfolg.

• entsteht die soziale Dimension auf der Grundlage eines Zugehörigkeitsgefühls zur gemeinsamen Lerngruppe, zur Schule oder zu außerschulischen Interessengruppen.

Durch ökonomische und ökologische Rahmenbedingungen

• bildet sich die personale Dimension in Abhängigkeit von den Bedingungen, unter denen die Schülerin/der Schüler aufwächst. Dazu gehören schicht- und kulturspezifisch sowie historisch geprägte Lebensformen, das Lebensumfeld (Stadt/Land) und materielle Faktoren wie Einkommen, Besitz, sächliche Ausstattungen.

• entwickelt sich die soziale Dimension aufgrund der Eingebundenheit in einen bestimmten Sozialraum bzw. durch die Orientierung an sozialen Gruppierungen und ihren jeweils zur Verfügung stehenden Ressourcen.

Durch Normen, Werte und Moralvorstellungen

• entfaltet sich die personale Dimension, indem das Individuum eine eigene Normen- und Wertewelt aufbaut, die sich auf der Grundlage biographisch erworbener Moralvorstellungen entwickelt .

• ergibt sich die soziale Dimension aus der Auseinandersetzung mit den in den sozialen Bezugsgruppen geltenden Normen, Werten und Moralvorstellungen, ihrer Akzeptanz oder Ablehnung.

Durch hierarchische Strukturen

• wird die personale Dimension geprägt durch die eigene Verortung in einer weitgehend hierarchisch aufgebauten Gesellschaft: im familialen Kontext. im System Schule, in der Freizeit- und Arbeitswelt.

• entsteht die soziale Dimension aus dem Erleben der persönlichen Einflussnahme, dem Bestimmen der eigenen Position, der Übernahme von Verantwortung und der erfahrenen Machtverhältnisse in sozialen Gruppierungen.

Die Entwicklung der personalen und sozialen Identität erfolgt in enger Wechselwirkung sowohl mit der Wahrnehmungs- und Bewegungsentwicklung als auch mit der Sprach- und Denkentwicklung.

Wahrnehmung und Bewegung ermöglichen Sinnes- und Wirklichkeitserfahrungen als Grundlage für die Orientierung in der Welt. Der Mensch erlebt seine eigene Körperlichkeit und lernt sich als Person wahrzunehmen. Sprachlich-kognitive Fähigkeiten erlauben es ihm, in seiner sozialen Umwelt Rollen einzunehmen, diese zunehmend mit mehr Eigeninitiative zu gestalten und sich schließlich auch von ihnen distanzieren zu können.

Im Laufe seiner Entwicklung erlebt sich der Mensch in ständig wechselnden sozialen Bezügen. Die Begegnung und die Auseinandersetzung ist mit anderen Personen jeden Tag neu und nicht vorhersehbar. Auch die gesellschaftlichen Normen sind infolge unterschiedlicher kultureller Einflüsse und des jeweils vorherrschenden Zeitgeistes in dauerndem Wandel begriffen.

Veränderungen ergeben sich u.a. darüber hinaus

• in den unterschiedlichen Lebensabschnitten, die der Mensch durchläuft, für Schülerinnen und Schüler insbesondere beim Übergang in das Schulkind- und Jugendalter

• für Menschen, die ihren Wohnort, ihr Arbeitsfeld oder ihren Kulturkreis wechseln

• durch Schicksalsschläge, die eine Neuorientierung in der Lebensbewältigung notwendig machen

• durch das System Schule, das eine Anpassung an institutionelle Normen und Prinzipien, ein Zurückstellen persönlicher Interessen zugunsten von Gruppeninteressen erfordert und das so gestaltet ist, dass Schülerinnen und Schüler schwerpunktmäßig nach ihrer schulischen Leistung beurteilt werden und soziale Beziehungen in der Regel weniger dauerhaft sind als familiäre

In der Identitätsentwicklung kann es zu Krisen und Brüchen kommen. Eine in sich gefestigte Identität zeigt sich in dem Maße. wie es dem Einzelnen gelingt-, den wechselnden Bedingungen und Anforderungen Rechnung zu tragen und dabei seine Individualität zu wahren.

Bei Schülerinnen und Schülern mit sonderpaedagogischem Förderbedarf kann der Prozess der Identitätsbildung aufgrund ihrer Lebenserschwernisse und den dadurch ausgelösten Reaktionen ihrer sozialen Umwelt beeinflusst sein. Diese sind vielfach geprägt durch Unsicherheit und Unverständnis bis hin zur Ablehnung.

In diesem Zusammenhang kann auch die offizielle Feststellung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs zu einer Krise oder zu einem Bruch in der Identitätsentwicklung führen.

Darüber hinaus können instabile familiäre Sozialisationsbedingungen, wechselnde soziale Bezüge, Gewalterfahrungen, Isolation, unterschiedliche Wertvorstellungen und überhöhte Anforderungen die Identitätsbildung dieser Schülerinnen und Schüler erschweren.

 

3.3.2 Identitätsförderung in Schule und Unterricht

Aufgabe von Schule und Unterricht ist es, Schülerinnen und Schüler durch förderliche Rahmenbedingungen, die Beachtung wesentlicher pädagogischer Grundsätze und gezielte Lernangebote in ihrer Identitätsentwicklung zu unterstützen.

Identitätsbildende Prozesse werden wesentlich unterstützt, wenn folgende Grundsätze beachtet und entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden:

• Begegnung und Dialog zwischen behinderten und nichtbehinderten Schülerinnen und Schülern ermöglichen

• soziale Integration, Interaktion und Arbeit im sozialen Netzwerk fördern und festigen

• Bezug zwischen der Erfahrungswelt der Schülerinnen und Schüler und den Unterrichtsinhalten herstellen

• geschlechtsspezifische Angebote vorhalten

• Entscheidungsfreiräume gestalten: Mitgestaltung und Mitbestimmung, offene Unterrichtsformen, Konfliktlösungsmodelle

• Regeln zur Orientierung und Kooperation entwickeln

• kooperative Arbeitsformen fördern

• verlässliche und beständige Bezugspersonen und -gruppen ermöglichen

• Lernfortschritte bestätigen und bewusst machen, Erfolgserlebnisse ermöglichen

• Wahrnehmung und Ausdruck von Gefühlen zulassen

• überschaubare Lerngruppen einrichten

• Tagesablauf strukturieren, Rituale pflegen

• Klassenräume, Flure, Schulhof als Lern- und Lebensraum gestalten

•  ...

Aufgabe sonderpädagogischer Förderung ist es, Schülerinnen und Schülern ermutigende, identitätssichernde Erfahrungen zu ermöglichen. Es sind Lern- und Entwicklungsbedingungen zu schaffen, die es ihnen erlauben und sie anregen.

• Deutungs- und Orientierungsmuster zu erwerben, die ihnen helfen, sich in einer komplexen Umwelt zurechtzufinden.

• sich ihrer eigenen Identität, zu der auch ihre Beeinträchtigung bzw. Schädigung und deren Folgen gehören, bewusst zu werden und sich mit diesen auseinander zu setzen.

• Ausdrucks-, Verhaltens- und Umgangsformen zu erproben, die die Grundlage persönlicher Wertschätzung und Akzeptanz in sozialen Beziehungen bilden, insbesondere in der Gruppe von Gleichaltrigen.

• soziale Beziehungen herzustellen und Leistungen zu zeigen, vor allem auch in Kooperation mit anderen, um damit soziale Anerkennung zu gewinnen.

• persönlich und gesellschaftlich geprägte Bedürfnisse, Erwartungen und Einstellungen bewusst wahrzunehmen und zu reflektieren.

• soziale Situationen zu deuten, sich in die Gefühle und Erwartungen anderer hineinzuversetzen, eigenes Verhalten aus deren Sicht zu reflektieren und ggf. persönliche Bedürfnisse zugunsten einer gelingenden Kommunikation zurückzustellen.

Die Ausbildung und Förderung der entsprechenden Kompetenzen ist durchgängiges Unterrichtsprinzip, macht aber auch spezifisch ausgewiesene Lernangebote notwendig.

Die Arbeit an den Leitthemen des Lehrplans bietet vielfältige Anlässe, sich seiner eigenen Identität bewusst zu werden und sich mit ihr auseinander zu setzen. Die Schülerinnen und Schüler werden angeregt, ihre subjektiven Vorstellungen und Wahrnehmungen von sich selbst in Bezug zu ihrer personalen und sächlichen Umwelt zu thematisieren und zu überdenken.

Durch die Auseinandersetzung mit den Leitthemen können sie, vielfältige Erfahrungen in den identitätsbildenden Interaktionsbereichen machen. Diese kommen bei der Arbeit an den einzelnen Leitthemen jeweils in unterschiedlichem Maße zum Tragen.

Die Interaktionsbereiche verweisen auf lebensweltbezogene Handlungsfelder der Kinder und Jugendlichen, mit denen sie sich im Unterricht unter der Blickrichtung auseinandersetzen: Ich zu mir selbst,  ich zu den anderen und ich zur Welt.

 

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4.3 Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung

Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Bereich der emotionalen und sozialen Entwicklung besuchen allgemeinbildende Schulen, berufsbildende Schulen, die Schule oder Klassen für Erziehungshilfe oder andere Sonderschulen. Der Unterricht dieser Schülerinnen und Schüler orientiert sich grundsätzlich an den Bildungszielen der von ihnen besuchten Schulart. Darüber hinaus benötigen sie eine sonderpädagogische Förderung im Bereich des emotionalen und sozialen Handelns. Die sonderpädagogische Förderung soll das Recht der Kinder und Jugendlichen auf eine ihren individuellen Möglichkeiten entsprechende schulische Bildung und Erziehung verwirklichen. Ziel ist es, die Persönlichkeitsbildung der Schülerinnen und Schüler so zu fördern, dass sie ein möglichst hohes Maß an schulischer und beruflicher Eingliederung und gesellschaftlicher Integration erreichen.

Die sonderpädagogische Förderung ist Aufgabe der Förderschulen als Förderzentren sowie der Klassen und der Schule für Erziehungshilfe und erfolgt in der Regel durch Sonderschullehrkräfte für Erziehungshilfe. Sie

• beraten Schülerinnen und Schüler, deren Eltern und Lehrkräfte sowie weitere Personen und Institutionen des sozialen Umfeldes

• beteiligen sich an der Entwicklung notwendiger Rahmenbedingungen für die Förderung

• vermitteln weitere Hilfsangebote

• koordinieren die sonderpädagogischen Angebote mit den Maßnahmen der außerschulischen Träger der Jugendhilfe

• unterrichten und unterstützen die Schülerinnen und Schüler

• gestalten zusätzliche individuelle Fördermaßnahmen

• begleiten die Schülerinnen und Schüler bei Rückschulungen

• führen Fortbildungsveranstaltungen für die Lehrkräfte der Schülerinnen und Schüler durch

In den Kreisen und kreisfreien Städten Schleswig-Holsteins gibt es dafür regionale, gestufte Beratungs- und Unterstützungssysteme der schulischen Erziehungshilfe, die durch folgende Bereiche gekennzeichnet sind:

Allgemeine schulische Prävention

Im Rahmen ihres gesetzlichen Bildungs- und Erziehungsauftrages erarbeitet jede Schule ein Erziehungskonzept. Im Mittelpunkt dieses Konzepts steht die gegenseitige Achtung von Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften, Eltern und anderen an der Schule Beteiligten. Es bildet den Rahmen für die schulische Erziehungsarbeit. Im Hinblick auf Erziehungskonflikte sind die im Schulgesetz differenziert geregelten Maßnahmen zu beachten (SchulG §45). Dabei gilt der Grundsatz, dass alle beteiligten Personen in die Lösung des Konflikts einzubeziehen sind. Übersteigt das Ausmaß der auftretenden Probleme in der emotionalen und sozialen Entwicklung einer Schülerin oder eines Schülers die Möglichkeiten, die der jeweiligen Schule selbst zur Lösung der Schwierigkeiten zur Verfügung stehen, so kann der Schulpsychologische Dienst oder das zuständige Förderzentrum zur Beratung und Unterstützung hinzugezogen werden.

Präventive schulische Erziehungshilfe

Im Rahmen der präventiven schulischen Erziehungshilfe bezieht sich die Aufgabe der Sonderschullehrkraft des Förderzentrums insbesondere auf die Beratung und Unterstützung von Einzelfällen, auf Unterrichtsberatung und 2Nlitarbeit in pädagogischen Konferenzen zur Entwicklung und Abstimmung von Sichtweisen einer Erziehungssituation, Erziehungszielen und Erziehungsmaßnahmen. In die Beratung und Unterstützung können neben der Schülerin oder dem Schüler, den Lehrkräften und Eltern auch weitere Personen des sozialen Umfeldes und außerschulische Träger der Jugendhilfe einbezogen werden. Für diese Schülerinnen und Schüler besteht noch kein Sonderpädagogischer Förderbedarf. Durch rechtzeitige Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe soll der Entwicklung gravierender Erziehungsprobleme vorgebeugt werden.

Für die Umsetzung werden angemessene Rahmenbedingungen entwickelt, notwendige Veränderungsprozesse eingeleitet und die Personen des Umfeldes unterstützt. Die Sonderschullehrkraft begleitet die Schülerin oder den Schüler durch ein breites Angebot spezifischer individueller Hilfen. In einem Förderplan werden die abgestimmten Fördermaßnahmen festgehalten. Zu einem vereinbarten Zeitpunkt werden die Auswirkungen der Fördermaßnahmen geprüft, und gegebenenfalls neue Vereinbarungen getroffen.

Integrative schulische Erziehungshilfe

Kann dem Erziehungshilfebedarf einer Schülerin oder eines Schülers mit den präventiven Möglichkeiten nicht entsprochen werden, so klärt die Sonderschullehrkraft des Förderzentrums nach Absprache mit den Eltern und den Lehrkräften der betreffenden Schule., unter Einbeziehung des Jugendamtes und medizinischer Dienste wie der Pädiatrie und Neurologie, welche sozialpädagogischen Fördermaßnahmen angezeigt und realisierbar sind. Der im Rahmen der präventiven schulischen Erziehungshilfe angelegte Förderplan wird als Sonderpädagogischen Förderplan fortgeschrieben.

Die förmliche Feststellung von Sonderpädagogischem Förderbedarf im Sinne von Erziehungshilfe durch die Schulaufsicht wird nur erforderlich.. wenn von den Bestimmungen über den Schulbesuch abgewichen werden muss, z.B. wenn der Schulbesuch der Schülerin oder des Schülers längerfristig auf ausgewählte Unterrichtsstunden am Tag beschränkt werden muss. In Ausnahmefällen wird in Zusammenarbeit mit anderen Maßnahmeträgern geprüft, ob die Schülerin oder der Schüler in eine kinder- und jugendpsychiatrische Einrichtung, längerfristig in eine Pflegefamilie oder in ein Heim aufgenommen werden soll.

Unterricht in Klassen bzw. der Schule für Erziehungshilfe

Für Schülerinnen und Schüler, die sich in _Maßnahmen der öffentlichen Erziehung nach §34 Kinder- und Jugendhilfegesetz befinden und aus diesem Grund in einem Heim oder einer Pflegefamilie leben, ist grundsätzlich von sonderpädagogischem Förderbedarf auszugehen. Hier werden die Fördermöglichkeiten der Schule bzw. der Klassen für Erziehungshilfe im Sinne einer Durchgangsschule genutzt.

Schülerinnen und Schüler ', die sich nicht in öffentlicher Erziehungshilfe befinden, -können nur im Ausnahmefall und für ein Schuljahr befristet in die Schule oder eine Klasse für Erziehungshilfe aufgenommen werden. Während der gesamten Zeit des Aufenthaltes der Schülerinnen und Schüler arbeitet die Schule oder Klasse für Erziehungshilfe eng mit der bisher besuchten Schule zusammen. Über eine Verlängerung um höchstens ein weiteres Schuljahr wird durch die Schulaufsicht gesondert entschieden.

Die Schule und die Klassen für Erziehungshilfe verfolgen das Ziel, der Schülerin oder dem Schüler durch eine befristete intensive sonderpädagogische Förderung eine Rückschulung in die zuständige Schule zu ermöglichen Eine besondere Problemlage liegt bei Kindern und Jugendlichen mit neurotischen und psychotischen Störungen vor. Die sonderpädagogische Förderung erfolgt zeitweise oder auch auf längere Dauer in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtung. Auch hier ist eine enge Zusammenarbeit mit der bisher besuchten Schule der Schülerinnen und Schüler erforderlich, um die Rückführung-' zu sichern.

4.3.1 Pädagogische Ausgangslage

Den Anlass für besondere Erziehungshilfemaßnahmen stellt in der Regel ein auffälliges Schülerverhalten oder eine besondere sozial-emotionale Belastungssituation einer Schülerin oder eines Schülers dar. Die Frage, bei welchem auffälligen  Verhalten oder bei welcher besonderen Belastungssituation ein Förderbedarf vorliegt, wird von der Sonderschullehrkraft in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten geprüft. Ein regel- und normwidriges Verhalten oder eine befristete persönliche Krise kann als störend wahrgenommen werden, ist aber nicht an sich schon als eindeutige Anzeichen für einen Förderbedarf anzusehen. Einige dieser Probleme können von den Betroffenen selbst ohne besondere Hilfen bewältigt werden. Insbesondere Jugendliche geraten im Rahmen ihrer Entwicklung in Situationen. in denen sie Werte und Normen nicht akzeptieren. Kritische Situationen entstehen oft auch bei Übergängen in neue Lebensabschnitte wie beispielsweise beim Schuleintritt oder durch besondere Ereignisse wie Umzug, Lehrer- oder Schulwechsel sowie durch einschneidende Veränderungen in Familie und Freizeit. Solche Veränderungen bisher gewohnter Lebensumstände können zu Konflikten und Anpassungsproblemen sowie auffälligem  Verhalten führen. Insofern sind auch deutliche Konflikte und Verhaltensauffälligkeiten in einem gewissen Ausmaß zu erwartende, normale Probleme jeglicher Entwicklung. Aussagen über auffälliges Verhalten und erzieherische Problemsituationen beinhalten außerdem immer persönliche Wertmaßstäbe, Erwartungen, Wahrnehmungen und Beurteilungen.

Ein sonderpädagogischer Förderbedarf im Bereich der sozial-emotionalen Entwicklung ist insbesondere bei denjenigen Schülerinnen und Schülern anzunehmen, die sieh über einen längeren Zeitraum deutlich abweichend von schulischen und gesellschaftlichen Normen verhalten. Sie zeigen sich in der Schule häufig für unterrichtliches Lernen und Handeln wenig motiviert. Eine hohe Ablenkbarkeit und kurze,  nicht altersentsprechende Konzentrationsspannen können sie an der Entfaltung ihrer intellektuellen Leistungsfähigkeit hindern. Motivation, Leistungsbereitschaft,  Ausdauer, Lerntempo und Belastbarkeit unterliegen in der Regel extremen Schwankungen. Oftmals fordern sie von ihren Lehrerinnen und Lehrern ein kaum erfüllbares Maß an  Zuwendung. Verhaltensauffälligkeiten können sich sowohl bei Überforderung der intellektuellen Leistungsfähigkeit als auch in Situationen permanenter Unterforderung zeigen. Es ist abzuklären, ob eventuell ein sonderpädagogischer Förderbedarf im Bereich des Lernens oder eine besondere Begabung vorliegt. Die Schule muss sich auch mit Verstößen von Schülerinnen und Schülern gegen die Schulgemeinschaft und die schulische Ordnung auseinandersetzen: Verstöße gegen die Regeln im Umgang mit Mitschülerinnen und Mitschülern oder Lehrkräften sowie gegen die Normen der Klasse und der Schule. Bei diesen sich eher ausagierend verhaltenden Schülerinnen und Schüler handelt es sich um Kinder und Jugendliche, die ihren Lehrkräften einen besonderen Grad an Geduld und Toleranz abverlangen, aber auch konsequentes Handeln im Sinne von Grenzsetzung. In ihrer Lerngruppe werden sie häufig abgelehnt und geraten dann immer mehr in eine Außenseiterposition.

Schülerinnen und Schüler können sich aber auch ängstlich zurückziehen und überangepasst, passiv oder allgemein gehemmt, sein. Sie können sich hilflos fühlen und kein Zutrauen zu sich und ihren Bezugspersonen haben. Diese Schülerinnen und Schüler reagieren überwiegend ängstlich und ablehnend auf Angebote der Zusammenarbeit mit anderen Kindern und Jugendlichen. Oft nehmen sie eine soziale Randstellung ein. Bei diesen Schülerinnen und Schülern können sich Auswirkungen wie selbstverletzendes Verhalten zeigen, Vereinzelung, Rückzug auf frühere Entwicklungsphasen und Verhaltensmuster, Entmutigung bis hin zur Resignation und auch Suizidgefährdung. Auffällig ängstliches und zurückgezogenes Verhalten wird tendenziell seltener erkannt als aktiv störendes Verhalten. Schwerwiegende sozial-emotionale Belastungssituationen von Schülerinnen und Schülern haben oft, auch Auswirkungen auf den psychosomatischen Bereich und können sich z.B. durch organische Beeinträchtigungen, erhöhte Anfälligkeiten für Krankheiten, andauernde motorische Aktivitäten und permanente innere Unruhe und Anspannung zeigen.

Familien von Kindern und Jugendlichen mit sozial-emotionalen Entwicklungsproblemen befinden sich häufig in einer schwierigen Situation. In der Regel bestehen die Schwierigkeiten bereits über eine längere Zeit und konnten bisher nicht bewältigt werden. Dieser Umstand wird von ihnen häufig als Misserfolg ei-lebt. In manchen Fällen liegt ein extrem problematisches Erziehungsverhalten der Eltern vor. Mangel an Zuwendung und Versorgung, emotionale Gleichgültigkeit, übersteigerte Gehorsamkeits- und Leistungserwartungen sowie Unberechenbarkeit des elterlichen Verhaltens stellen hohe Belastungsfaktoren für die Kinder und Jugendlichen dar. Insbesondere Kindesmisshandlungen haben traumatisierende Folgen. Beeinträchtigungen in der emotionalen und sozialen Entwicklung werden aber auch durch Überbehütung, extreme Bindung an die Eltern, übertriebene Verwöhnung oder durch zu geringes Zutrauen zum Kind oder Jugendlichen verstärkt. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und Eltern muss mit viel Geduld allmählich aufgebaut werden.

Die Freizeitsituation der Schülerinnen oder Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten unterscheidet sich meist deutlich von derjenigen der Mitschülerinnen und Mitschüler. Eine Integration in Vereine scheitert oftmals an nicht zu bewältigenden sozialen Schwierigkeiten und damit verlieren die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, entsprechende soziale Erfahrungen zu sammeln. Es besteht die Gefahr einer sozialen Ausgrenzung und der Zuordnung zu einer Außenseitergruppe. Die Gruppendynamik einer solchen Außenseitergruppe und eine damit oft, verbundene Orientierung an gesellschaftlich inakzeptablen Normen und Werten verstärken in der Regel die Verhaltensauffälligkeiten.

Befindet sich eine Schülerin oder ein Schüler in einem Heim oder einer kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtung liegt häufig ein sonderpädagogischer Förderbedarf in der emotionalen und sozialen Entwicklung vor. Eine enge.. vertrauensvolle Zusammenarbeit und ständige Absprachen zwischen den Lehrkräften des Förderzentrums und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des jeweiligen Heimes oder der jeweiligen psychiatrischen Klinik sind wesentliche Bedingungen für die sonderpädagogische Förderung.

4.3.2 Grundsätze

1. Präventive Maßnahmen sind geeignet, die Schülerin oder den Schüler mit Problemen in der emotionalen und sozialen Entwicklung in seiner bisherigen  Lerngruppe zu unterstützen. Die Schülerin oder der Schüler bleibt in der Schulgemeinschaft und damit ist die Klassenlehrerin oder der Klassenlehrer weiterhin zuständig. Bei der Bewältigung der Probleme bietet die Sonderschullehrkraft des Förderzentrums Beratung und Unterstützung an.

2. Die Sonderschullehrkraft wird auf Anforderung tätig. Dabei geht es zunächst um ein gemeinsames gleichberechtigtes Sich-Beraten. Die Kompetenz der verantwortlichen Lehrkräfte der Klasse liegt in der genauen Kenntnis der Lerngruppe lind der sie umgebenden Bedingungen. Die Sonderschullehrkraft, bringt ihre diagnostische Kompetenz und ihr Wissen um unterschiedliche Förderkonzepte ein. Die Beratung ist für alle Beteiligten ein gemeinsamer Lernprozess. Zusammen analysieren die Sonderschullehrkraft, die anderen Lehrkräfte und nach -Möglichkeit auch die Schülerin oder der Schüler die Ausgangslage , vereinbaren Ziele der Veränderung und entwickeln Strategien, die in Handlungsschritte untergliedert und schriftlich festgehalten werden. Als Ergebnis wird ein tragfähiger Lösungsansatz angestrebt, dem sieh die Beteiligten verpflichtet fühlen. Aus der Beratung kann sich eine gemeinsame Einleitung des Veränderungsprozesses sowie eine zeitlich begrenzte sonderpädagogische Begleitung ergeben. Die, Erfahrungen in der Umsetzung können gegebenenfalls Gegenstand erneuter Beratungen sein.

3. Eine Veränderung der Lebenswelt der Schülerin oder des Schülers wird im Rahmen der Förderung stets nur in dem unbedingt notwendigen Umfang vorgenommen. Wesentliches Ziel ist es, durch möglichst frühzeitige Schritte eine problematische Entwicklung und die damit, verbundenen Konflikte -gemeinsam zu bewältigen Dies kann durch die Auswahl angemessener und an die individuelle Situation angepasster Maßnahmen gelingen.

Für die Arbeit innerhalb des gestuften Beratungs- und Unterstützungssystems der schulischen Erziehungshilfe gelten folgende Grundsätze:

• pädagogische Gespräche und Konferenzen

• Fortbildung und Supervision

• Zusammenarbeit mit den Eltern lind weiteren Personen des sozialen Umfeldes

• Vermittlung familienentlastender Dienst(,.

• Kooperation mit der Jugendhilfe und anderen außerschulischen Institutionen

• regelnde Absprachen und Vereinbarungen

• Entwicklung von Planungs- und Handlungsalternativen für den Unterricht und den erzieherischen Umgang mit der Schülerin oder dein Schüler sowie mit der ganzen Klasse

• Gestaltung vielfältiger sozialer und emotionaler Lernsituationen

• positive Beeinflussung der Beziehungen in der Lerngruppe

Der kollegiale Austausch über unterschiedlich(, Sichtweisen eines Erziehungsproblems. die offene kooperative Diskussion Über Ziele und Maßnahmen sowie ein Einigungsprozess im Hinblick auf das Vorgehen sind wesentliche Elemente im Prozess der Förderung

Entscheidend ist eine flexible und an die individuelle und soziale Situation der Schülerin oder des Schülers angepasste Vernetzung der aufgeführten unterschiedlichen Hilfen zur Erziehung.

Erweisen sich präventive Maßnahmen als nicht ausreichend und liegt sonderpädagogischer Förderbedarf vor, muss eine spezifische Förderung erfolgen. Hierzu werden Vereinbarungen schriftlich festgehalten, so dass für jede Schülerin oder jeden Schüler ein nachvollziehbares Förderkonzept in Form eines Sonderpädagogischen Förderplans entsteht.

Die Auswirkungen der Fördermaßnahmen werden regelmäßig überprüft und mit den Beteiligten diskutiert, um gemeinsam die nächsten Ziele und Schritte der aktuellen Situation anzupassen und im Sonderpädagogischen Förderplan fortzuschreiben.

 

4.3.3 Spezifische Förderung

Grundlage des Unterrichts und der Erziehung von Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarf im Bereich der emotionalen und sozialen Entwicklung ist der Aufbau von Vertrauen, damit eine verlässliche und tragfähige Lehrer-Schüler-Beziehung entsteht. Hierzu benötigen sie Lehrkräfte, die bereit sind, Schülerinnen und Schüler anzunehmen, die sich über einen längeren Zeitraum deutlich abweichend von schulischen und gesellschaftlichen Normen verhalten. Dazu gehört, sie in ihrem individuellen Erleben und in ihren Verhaltensweisen zu verstehen, sie in ihrer Persönlichkeit anzunehmen und sie beim Aufbau alternativer Einstellungen, Haltungen und Handlungen verlässlich zu unterstützen und zu begleiten. Das Bewusstmachen und Nutzen individueller Stärken und damit die Steigerung des Selbstwertgefühls und des Selbstvertrauens bildet dabei den Ausgangspunkt für Veränderungen. Für die Lehrkräfte bedeutet dies, sich eigener Sicht- und Handlungsweisen bewusst zu werden. Diese Bereitschaft ist Voraussetzung für die professionelle Steuerung der Prozesse im Unterricht.

Wesentlicher Bestandteil der Förderarbeit ist es, die Wahrnehmung der Schülerinnen und Schüler für eigenes und fremdes Empfinden zu stärken, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und die Steuerungsfähigkeit des eigenen Verhaltens langfristig zu stabilisieren. Die Entwicklung der Selbststeuerung unterteilt sich dabei in die Förderung der Handlungsplanung, das Erlernen von Reaktionskontrolle und die Vermittlung von Konfliktlösestrategien. Dazu gehört auch, dass Grenzen gesetzt und Normen und Regeln vereinbart und eingehalten werden.

Vielfach erschweren gravierende Entwicklungsprobleme und bisherige Misserfolgserfahrungen Schülerinnen und Schülern einen Zugang zu den Lernangeboten in der Klasse. Ihr Förderbedarf macht eine spezifische Gestaltung der Unterrichtsangebote notwendig. Das erfordert Gestaltungsfreiräume hinsichtlich der Auswahl der Lernangebote und Lernorte. Schulisches Lernen wird unterstützt durch feste Orientierungspunkte im Unterricht, wie regelmäßig wiederkehrende Rituale und einen verlässlichen Rhythmus der alltäglichen Abläufe, durch einen ausgewogenen Wechsel von Arbeits- und Entspannungszeiten, vielfältige Bewegungsmöglichkeiten innerhalb des Unterrichts, Lernen in Handlungssituationen besonders auch an außerschulischen Lernorten.

Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf in der emotionalen und sozialen Entwicklung reagieren auf negative Fehlerbewertung, persönliche Abwertungen, unklare Regeln unbegründete Beschuldigungen oder auf formale Sanktionen ohne direkten Bezug zum  Anlass oder auch auf Unter- oder Überforderungen im Leistungsbereich in besonderem Maße. Angemessene Reaktionen der Lehrkräfte können ihnen helfen solche Konfliktsituationen zu bewältigen.

Schulische Erfolgserlebnisse, die Erfahrung, selbst Einfluss auf den Schulerfolg und die Bewältigung von Konflikten ausüben zu können, das Gefühl, angenommen und geachtet zu werden, authentisches, einschätzbares Lehrerverhalten, eindeutige Klassen- und Schulregeln, Klarheit und Konsequenz bei Interventionen, positive Folgen bei angemessenem Verhalten, eine aktive Sozialerziehung sowie ein insgesamt positives Schulklima sind schulische Bedingungen.. die für Schülerinnen und Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten unverzichtbar sind.

Sonderpädagogische Förderung zielt auf die Stärkung der Team- und Kooperationsfähigkeit. Wichtige Teilziele sind die Übernahme von Mitverantwortung für das Handeln der Gruppe und die Bereitschaft, Gemeinschaftsaufgaben zu erfüllen. Die Einhaltung vereinbarter oder durch gesellschaftlichen Konsens allgemein anerkannter Regeln ist als Voraussetzung für die Gemeinschaftsfähigkeit zielorientiert aufzubauen. Das Erleben einer Gemeinschaft ermöglicht den Schülerinnen und Schülern neue Erfahrungen. Zunächst erleben sie vielleicht nur, von den anderen ertragen zu -werden, dann aber auch - nicht zuletzt im Zusammenhang mit eigenen Verhaltensänderungen - akzeptiert zu werden, sich mitteilen zu können und Vertrauen zu gewinnen. Zur Förderung des Gemeinschaftsgefühls bieten sich Projekte und Unternehmungen an, die sich ans der Leitthemenarbeit ableiten lassen.

Die Schülerinnen und Schüler lernen ihr eigenes Verhalten bewusst und angemessen zu steuern. Dazu gehört die Fähigkeit, Situationen und Beziehungsabläufe gedanklich zu erfassen und Sprache erfolgreich einzusetzen., z.B. ihre verbalen Äußerungen im Umgang mit anderen so zu gestalten, dass beim Anderen keine ungewollt provozierte Ablehnung ausgelöst wird.

Bereich Spielen

Der Bereich Spielen nimmt in der Erziehungshilfe einen bedeutsamen Stellenwert ein. Schülerinnen und Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten haben teilweise erhebliche Schwierigkeiten, auf Spielangebote einzugehen. Sie müssen zum Spielen ermutigt werden und benötigen ein breit gefächertes Angebot an unterschiedlichen Spielerfahrungen: Freies und gelenktes Spiel, traditionelle Kinderspiele, Regelspiele, Bewegungsspiele aus der rhythmischen Erziehung und der Psychomotorik, Konstruktionsspiele, Spielaktionen im Freien, Entspannungsspiele, Interaktionsspiele, Ausdrucksspiele und Rollenspiele bis hin zum Theaterspiel können in die Förderung einbezogen werden. Spielsituationen müssen dabei oftmals von der Lehrkraft, angeregt, aber auch reguliert und sensibel gesteuert werden. Beobachtungen während des Spiels geben der Sonderschullehrkraft oft wichtige diagnostische Hinweise für weitere Maßnahmen der Entwicklungsförderung. Spielen bietet die Möglichkeit, sich selbst auszudrücken und mit anderen Kontakt aufzunehmen. Spiele in Gruppen fördern die Fähigkeit, Absprachen zu entwickeln und Regeln einzuhalten. Sie ermöglichen Bestätigung durch gemeinsam mit Freude und Spaß erlebte Spielsituationen. In Regelspielen wird Durchhaltevermögen und das Ertragen von Erfolg und Misserfolg trainiert. Spiele, in denen sich Kinder und Jugendliche über Rollen und Medien mitteilen können, bieten ihnen Möglichkeiten, etwas von ihrer Gefühlswelt und der Art ihrer Erlebnisverarbeitung mitzuteilen. Das Rollenspiel kann sowohl als Methode des sozialen Lernens, zur Erweiterung oder Verbesserung des Verhaltensrepertoires als auch zur Konfliktdarstellung und -bewältigung dienen. Unter spezifischer Spielgruppenarbeit werden schulische Fördermaßnahmen der Erziehungshilfe verstanden, die das Ziel haben, die IchKompetenz zu fördern und gleichzeitig die Interaktionen unter und zwischen den Schülerinnen und Schülern und den Lehrkräften zu verbessern. In der Spielgruppenarbeit hat es sich als günstig erwiesen, Kinder mit Problemen im Bereich der emotionalen und sozialen Entwicklung gemeinsam mit Mitschülerinnen und Mitschülern ohne sonderpädagogischen Förderbedarf und positivem Sozialverhalten in kleinen Gruppen zusammenzufassen, in denen sie gemeinsam intensive emotionale und soziale Lernerfahrungen machen können.

Musische und ästhetische Angebote

Durch musische und ästhetische Angebote können viele Schülerinnen und Schüler mit Problemen in der emotionalen und sozialen Entwicklung sich und ihre Gefühle leichter ausdrücken. Sie erfahren und nutzen eigene Möglichkeiten zur Selbstmitteilung durch nichtverbale Kommunikation. In der künstlerischen Gestaltung können sie sich emotional öffnen und etwas über sich selbst mitteilen, was sie sonst nicht oder nur bedingt zu verbalisieren vermögen. Aufgabe der Sonderschullehrkraft ist es, über diese Zugänge die nonverbalen Aussagen der Schülerinnen und Schüler behutsam zu thematisieren und Möglichkeiten für individuelle Gespräche anzubieten.

Bewegung und Sport

Bewegung und Sport sind unverzichtbare Grundlagen für die individuelle Förderung der motorischen, psychomotorischen und psychosozialen Entwicklung. Bewegung in diesem Sinne bietet Möglichkeiten Emotionen auszuagieren, individuelle Körpererfahrungen zu vertiefen, Kontakt mit anderen aufzunehmen und soziale Gruppenerfahrungen zu machen. Der Zusammenhang von Bewegung und Stressabbau sowie emotionaler Stabilität erfordert im Hinblick auf die betreffenden Schülerinnen und Schüler die Einbeziehung vielfältiger Bewegungsmöglichkeiten auch in den Unterricht.

Beratung mit Kindern und Jugendlichen

In der Beratung mit Kindern und Jugendlichen werden strukturierte Methoden auf der Grundlage personenzentrierter Gesprächsführung angewendet, z.B. kooperative, entwicklungs- und lösungsorientierte Beratungskonzepte. Durch die Beratungsarbeit werden Voraussetzungen dafür geschaffen, dass sich die Schülerinnen und Schüler mit ihrem Selbstkonzept emotional und kognitiv auseinander setzen können und Einsichtsfähigkeit in ihr eigenes Denken und dadurch verursachtes Handeln sowie in das von anderen erlangen. Die Arbeit mit Kindern wird dabei durch den zusätzlichen Einsatz anregender, kindgemäßer Spielmaterialien als Handlungsgrundlage unterstützt, durch die sie ihre Sicht der Lebenswelt sich und anderen verdeutlichen können. So können die aktuelle Problemsituation schrittweise dargestellt und Lösungsmöglichkeiten aus der Sicht der Schülerin oder des Schülers erarbeitet werden.

Vorbereitung auf die Berufs- und Arbeitswelt

Voraussetzung für eine tragfähige Berufswahlentscheidung unter Berücksichtigung individueller Neigungen und Fähigkeiten, der schulischen Qualifikation und der Bedingungen des Arbeitsmarktes ist der Aufbau eines realistischen Selbstkonzeptes der Schülerin oder des Schülers. Berufsorientierung und -vorbereitung durch die Schule beinhaltet eine Auseinandersetzung mit den Anforderungen von Ausbildung und Arbeit. Dieser Prozess wird u.a. durch Betriebspraktika unterstützt. In Kooperation von Schule, Elternhaus, Arbeitsamt, berufsbildenden Schulen, Betrieben und Kammern können Grundlagen für eine Berufsorientierung und mögliche Erwerbstätigkeit der Schülerinnen und Schüler gelegt werden. Dazu gehört auch die Erfahrung... dass eine soziale und berufliche Eingliederung ständig eigener Anstrengungen und Umorientierungen bedarf. Tätigkeiten in unterschiedlichen gemeinnützigen Bereichen, Beratungen durch das Jugend- und Sozialamt, Erkundungen in den Leistungsabteilungen des Arbeitsamtes, in Zeitarbeitsunternehmen und in Beschäftigungsprojekten der Jugendberufshilfe oder in Arbeitsloseninitiativen stellen notwendige Ergänzungen der üblichen Betriebspraktika und -erkundungen sowie der Berufsberatung dar. Sie ermöglichen ihnen Kooperations- und Kommunikationsformen sowie Konfliktlösungsstrategien in neuen Situationen zu erproben. Schülerinnen und Schüler erhalten über die Teilnahme und die bearbeiteten Inhalte einen Nachweis.

Der Übergang in die Berufs- und Arbeitswelt stellt für alle Schülerinnen und Schüler eine Herausforderung dar. Für Schülerinnen und Schüler mit dem Sonderpädagogischen Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung kann die Berufs- und Arbeitswelt als neues, anders strukturiertes Umfeld eine Chance sein. Die Jugendlichen begegnen anderen Menschen, Inhalten, Wertmaßstäben, Umgangsformen und Anforderungen, die ein erwachsenes Verhalten erfordern. Emotionale und soziale Auffälligkeiten in Schule und sonstigem sozialen Umfeld können entfallen, wenn die Jugendlichen ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechend eingesetzt werden, Akzeptanz erfahren und Erfolge haben.

Die Berufs- und Arbeitswelt verlangt insbesondere Anpassungsbereitschaft und eine angemessene Arbeitshaltung. Schülerinnen und Schüler mit dem Sonderpädagogischen Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung erleben die damit verbundenen Anforderungen häufig als konflikthaft.

Die Vorbereitung auf die Berufs- und Arbeitswelt erfordert daher unter den erschwerten Bedingungen des sonderpädagogischen Förderbedarfs Lernprozesse, die, dazu beitragen, individuelle Neigungen und Fähigkeiten herauszufinden und ein angemessenes Verhaltensrepertoire zu entwickeln. Ziel ist der Aufbau eines realistischen Selbstkonzeptes, um die Schülerinnen und Schüler zur tragfähigen Berufswahlentscheidungen zu befähigen.

Darüber hinaus wird im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten das Umfeld mitgestaltet und die beteiligten Personen im Umgang mit diesen Schülerinnen und Schüler unterstützt. Dieses gilt sowohl für die Durchführung von Betriebspraktika als auch für alle anderen für die Berufsorientierung und Berufswahl wichtigen Angebote innerhalb und außerhalb der Schule. Eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen ist die enge Kooperation aller Beteiligten und die Bereitschaft gemeinsam Konfliktlösungen zu suchen und zu erproben.

Nach dem Übergang in den berufsbildenden Bereich erhalten die Schülerinnen und Schüler sonderpädagogische Unterstützung, wenn weiterhin oder erneut Förderbedarf im Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung besteht. Schwerpunkte sonderpädagogischer Arbeit können individuelle Unterstützungs- und Beratungsangebote bei Analyse, Reflexion und Bewältigung von Konfliktsituationen sein. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Ausbildungsbereichen erhalten Kooperationsangebote.

Förderung im Netzwerk

In der Erziehungshilfe arbeitet die Sonderschullehrkraft des Förderzentrums außer mit den Eltern der Schülerin oder des Schülers und weiterer Personen des sozialen Umfeldes eng mit Kolleginnen und Kollegen anderer schulischer Einrichtungen zusammen. Die Förderung und Unterstützung von Schülerinnen und Schülern mit emotionalen und sozialen Problemen ist auch Arbeitsfeld der vielfältigen, regional sehr unterschiedlichen Formen der außerschulischen Erziehungshilfe. Hieraus ergibt sich die Möglichkeit und Notwendigkeit der Kooperation mit den unterschiedlichen Diensten und Leistungsträgern. Gemeinsame Strukturen sind so aufzubauen, dass Ressourcen intensiv genutzt und schulische Hilfen in geeigneter Weise mit außerschulischen Angeboten im Sinne einer ganzheitlichen Förderung verknüpft werden.

4.3.4 Diagnostik

Ein sonderpädagogischer Förderbedarf besteht, wenn das Verhalten einer Schülerin, eines Schülers und der situative Kontext die weitere schulische Bildung und Erziehung als gefährdet erscheinen lassen und diese Probleme mit den Möglichkeiten der besuchten Schule nicht bewältigt werden können.

Bei der Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs sind folgende Aspekte zu berücksichtigen:

• bisherige Förderversuche

• der soziale Kontext des auffälligen Verhaltens

• die der Beurteilung zugrunde liegenden Normen und Werte

• die Beziehung zwischen den beteiligten Personen

• der Zeitraum, über den die Auffälligkeit bisher aufgetreten ist

• die Art und das Ausmaß der Abweichung

• die erwarteten Folgen des auffälligen Verhaltens für die Schülerin oder den Schüler und andere Personen

• der Leidensdruck der Schülerin oder des Schülers sowie weiterer beteiligter Personen

• psychosomatische, Symptome

• die sozialen Kompetenzen der Interaktionspartner

• die Prognose über die weitere sozial-emotionale Entwicklung und die Schullaufbahn

• die Sichtweisen verschiedener Personen bezüglich des Problem-.,. einschließlich der betreffenden Schülerin oder des Schülers

Verhaltensweisen, die einen sonderpädagogischen Förderbedarf sichtbar werden lassen,  sind nicht als feststehende persönliche Merkmale anzusehen. Sie sind immer in Abhängigkeit von der Situation des Beobachters und Beurteilers sowie des sozialen Umfeldes zu sehen. Sie unterliegen Entwicklungsprozessen, die, durch Veränderungen der aktuellen Situation und durch ein gestuftes flexibles Fördersystem beeinflusst werden können. Sie sind daher nicht auf unveränderbare Persönlichkeitseigenschaften zurückzuführen, sondern eher Folge einer persönlichen Erlebens- und Erfahrungswelt. die sich in sozialen Situationen herausgebildet hat. Ängste, störendes Verhalten, Regelverletzungen, Schulunlust, Aggressions- und Gewaltbereitschaft, Zurückgezogenheit und fehlendes Selbstvertrauen sowie weitere Auffälligkeiten können auf einer langen Lerngeschichte beruhen und sind oft nur längerfristig und in kleinen Schritten zu verändern.

 

4.3.5 Leistungsbewertung

Es gelten die Leistungsanforderungen der jeweils besuchten Schulart.

Die Leistungsfähigkeit einer Schülerin/eines Schülers hängt von vielfältigen persönlichkeitsbedingten Variablen ab. Die Gewährung eines Nachteilsausgleichs wird jeweils an die aktuelle Situation flexibel angepasst.

Formen des Nachteilsausgleichs können die Arbeitsbedingungen (Passung der Anforderungen, Art der Mitarbeit ... ), die Arbeitsplatzgestaltung und Fragen der schulischen Organisation betreffen.

 

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1.3 Sonderpädagogische Diagnostik

Der sonderpädagogische Förderbedarf wird durch eine Diagnostik der wesentlichen lern- und entwicklungsfördernden bzw. -hemmenden Faktoren ermittelt und lernprozessbegleitend beobachtet. Die Ergebnisse der Diagnostik beschreiben den aktuellen Entwicklungs- und Leistungsstand der Schülerinnen und Schüler und geben Hinweise auf Ziele und Maßnahmen der sonderpädagogischen Förderung.

Diagnostik berücksichtigt stets alle Dimensionen der Entwicklung und richtet sich auf die inner- und außerschulische Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen mit vermutetem Förderbedarf.

Festgehalten werden Informationen zu folgenden Bereichen:

  • zur schulischen und außerschulischen Situation
  • zu Ereignissen der außerschulischen und schulischen Lebenswirklichkeit, die für die Förderung bedeutsam sind
  • zur Entwicklung in den Bereichen: Wahrnehmung und Bewegung, Sprache und Denken, personale und soziale Identität
  • zum Sonderpädagogischen Förderschwerpunkt/zu Sonderpädagogischen Förderschwerpunkten
  • zum Lern- und Leistungsverhalten, sowie zu den Schlüsselqualifikationen und Kompetenzen der Schülerin/des Schülers in den Fächern bzw. Fachbereichen

Erfolgreiche sonderpädagogische Förderung basiert auf den Vorerfahrungen und Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler, die sie in der tätigen Auseinandersetzung mit ihrer personalen und sächlichen Umwelt erworben haben. Bedeutsame Daten zu ihren bisherigen und gegenwärtigen Lern- und Entwicklungsbedingungen werden erhoben. Unter Wahrung der Vorgaben des Datenschutzes können Informationen über die familiäre Situation, die für die Schülerinnen und Schüler entscheidenden Bezugspersonen, Freizeitaktivitäten sowie vorschulische und außerschulische Fördermaßnahmen ebenso von Bedeutung sein wie die schulische Situation. Dazu gehören u.a. die personellen und sächlichen Rahmenbedingungen, das Schulprogramm, insbesondere der Einzugsbereich der Schule, die Zusammensetzung der Lerngruppe, das soziale Klima und der Leistungsstand der Klasse, die Anzahl der unterrichtenden Lehrkräfte, die Unterrichtsorganisation, räumliche Gegebenheiten, Unterrichtsmaterialien und -medien sowie zusätzliche Förderangebote. Besondere Ereignisse im außerschulischen und schulischen Umfeld der Schülerin oder des Schülers können die Entwicklung stark beeinflussen und zusätzliche Beratung oder Unterstützung notwendig machen.

Aussagen zur Ausgangslage der Schülerin oder des Schülers in den Entwicklungsbereichen und zum Lern- und Leistungsverhalten in den Fächern bzw. Fachbereichen beziehen sich auf die individuell unterschiedlich entwickelten Fähigkeiten und Fertigkeiten. Sie bilden die Grundlage für die Anbahnung der nächsten Entwicklungsschritte und Lernziele.

Entscheidend für eine erfolgreiche Förderung ist die Berücksichtigung der Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler, wie sie sich sowohl aus der Selbst- als auch aus der Fremdwahrnehmung darstellen. Die Beschreibung ihrer bereits entwickelten Fähigkeiten ist das Ergebnis von Beobachtungen und Gesprächen aller am Bildungs- und Erziehungsprozess beteiligten Personen. Das Lern- und Leistungsverhalten der Schülerinnen und Schüler kann u.a. abhängen von den jeweiligen Lerninhalten und -angeboten, der Art der Unterrichtsgestaltung, der Lehrerpersönlichkeit und der Zusammensetzung der Lerngruppe. Auch die eigene aktuelle Befindlichkeit der Schülerin/des Schülers beeinflusst das Lern- und Leistungsverhalten.

Diagnostische Vorgehensweisen sind u.a.:

  • kriteriengeleitete Beobachtungen in schulischen, außerschulischen und konstruierten Situationen und bei der Konfrontation mit unbekannten Aufgabenstellungen

  • Befragungen/Gespräche

  • Einschätzskalen

  • diagnostische Prüfverfahren

Alle diagnostischen Vorgehensweisen sind qualitativ auszuwerten.

 

1.3.1 Ermittlung des sonderpädagogischen Förderbedarfs

Für die Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs bilden die längerfristig dokumentierten Beobachtungen der unterrichtenden Lehrkräfte und anderer Personen des pädagogischen oder familiären Umfeldes einen entscheidenden Schwerpunkt. Sie geben wichtige Hinweise für diagnostische Fragestellungen und die Auswahl bereichsspezifischer Überprüfungsverfahren.

Hinweise zum aktuellen Förderschwerpunkt einer Schülerin oder eines Schülers ergeben sich insbesondere über die Analyse ihres bzw. seines Entwicklungsstandes in den Bereichen: Wahrnehmung und Bewegung, Sprache und Denken, personale und soziale Identität. Häufig liegen Beeinträchtigungen in mehreren Entwicklungsbereichen vor. Sie machen eine individualisierende und umfassende Förderung notwendig.

Die Diagnostik zur Ermittlung des sonderpädagogischen Förderbedarfs erfordert eine interdisziplinäre Herangehensweise. Dabei werden auch zugängliche Anamnesen, Gutachten, Entwicklungsberichte und Förderpläne anderer Institutionen einbezogen.

Sonderpädagogische Förderung bedarf einer systematischen und kriteriengeleiteten Beobachtung aller Lern- und Entwicklungsprozesse der Schülerinnen und Schüler.

Die diagnostischen Ergebnisse bilden die Basis der individuellen sonderpädagogischen Förderplanung. Im Sonderpädagogischen Förderplan werden auch alle wesentlichen Ziele, Unterstützungsmaßnahmen und Angebote außerschulischer Kooperationspartner festgehalten.

1.3.2 Lernprozessbegleitende Diagnostik

Sonderpädagogische Förderung bedarf einer systematischen und kriteriengeleiteten Beobachtung aller Lern- und Entwicklungsprozesse der Schülerinnen und Schüler. Die lernprozessbegleitende Diagnostik ist Teil des Lehr-/Lernprozesses und findet im unterrichtlichen. und außerunterrichtlichen Kontext statt.

Didaktisch-methodisches und diagnostisches Handeln sind unmittelbar aufeinander bezogen. Ziel dieser pädagogischen Diagnostik ist es, Ansatzpunkte zu finden, wie Schülerinnen und Schüler lernen und wie ihre Lernweisen und Vorerfahrungen im Unterricht aufgegriffen und bestmöglich unterstützt werden können. Das betrifft ihr Verständnis vom Inhalt und den Strukturen des Lerngegenstandes, das sich in ihren individuellen Zugriffsweisen zeigt, ihr Lern- und Arbeitsverhalten sowie die ihnen nächstmöglichen Entwicklungsschritte.

Fachdidaktische Anliegen müssen bezogen auf Aufgabenstellungen abgeglichen werden mit dem individuellem Stand der Denk- und Lernentwicklung. Dazu gehört auch die Wahrnehmung ihrer emotionalen und sozialen Situation sowie der Funktion, die sie dem Erwerb des Unterrichtsgegenstandes beimessen.

Allen Beobachtungen liegen folgende Fragestellungen zugrunde:

  • Was kann die Schülerin bzw. der Schüler schon?
  • Wo sind seine Stärken?
  • Was muss sie bzw. er noch lernen?
  • Was kann sie bzw. er als nächstes lernen?

Lerninhalte und Aufgabenstellungen werden daraufhin überprüft, welche Kompetenzen zu ihrer Aneignung bzw. Bewältigung erforderlich sind und auf welchem Repräsentationsniveau und in welcher Komplexität sie mit Blick auf die einzelne Schülerin oder den einzelnen Schüler angeboten werden können.

Bei Schülerinnen und Schülern mit motivationalen Problemen bzw. mit Lernblockaden werden darüber hinaus in einzelnen Fächern oder Fachbereichen folgende Fragen abgeklärt:

Welche Motive bewegen diese Schülerinnen und Schüler, sich auf eine Lerntätigkeit einzulassen?

  • Sind konkurrierende Motive oder ablenkende Reize zu beobachten, die sie von der Beschäftigung mit dem Lerngegenstand abhalten

  • Wie hoch ist ihre Zuversicht, die Anforderungen bewältigen zu können?

  • Wie schätzen sie ihre eigenen Leistungsmöglichkeiten ein?

  • Welches Anspruchsniveau zeigen sie? Entscheiden sie sich eher für schwierige oder leichte Aufgabenstellungen?

  • Welche Gründe sehen sie für ihre Erfolge oder Misserfolge?

Entscheidende Zugänge einer unterrichtsbegleitenden Diagnostik ergeben sich:

  • in strukturierten Lernsituationen
  • im erschließenden Gespräch mit der Schülerin/dem Schüler
  • bei der Durchführung gezielter Prüfaufgaben
  • durch die qualitative Analyse von Arbeitsergebnissen bzw. Fehleranalysen

In strukturierten Lernsituationen, die individuelle Zugriffsweisen auf den jeweiligen Lerngegenstand auf unterschiedlichem Entwicklungsniveau zulassen und Möglichkeiten des Miteinander- und Voneinanderlernens der Schülerinnen und Schüler in Form von Nachahmung und Kooperation eröffnen, lassen sich neben ihren Verstehensleistungen auch ihre Lernchancen im sozial-interaktiven Kontext erschließen.

Gespräche, Befragungen oder angeleitete Spielsituationen tragen zum weiteren Verständnis der Beobachtungen bei. Im Dialog mit der Schülerin oder dem Schüler erfährt die Lehrkraft, was sie bzw. ihn bewegt, welche Vorstellungen von Welt sie bzw. er entwickelt hat, welche Lösungswege zur Bewältigung von Aufgabenstellungen sie bzw. er geht, aber auch welche Faktoren sie oder ihn in ihrer bzw. seiner Entwicklung hemmen.

Durch gezielte Aufgaben lässt sich der aktuelle Lern- und Leistungsstand der Schülerinnen und Schüler in den Fächern oder Fachbereichen feststellen. Sie ergeben sich aus den jeweiligen fachbezogenen Anforderungen bzw. sind mit diesen identisch. Die Analyse der diagnostizierten Ergebnisse verweist auf die nächsten Lernschritte, die die Schülerin oder der Schüler vollziehen kann sowie auf den individuell notwendigen Unterstützungsbedarf.

Die qualitative Analyse von Arbeitsergebnissen der Schülerinnen und Schüler, insbesondere auch ihrer Fehler, vermittelt einen Einblick in die aktuelle Zone ihrer Entwicklung und ihre nächstmöglichen Entwicklungsschritte.

Bezugspunkte einer lernprozessbegleitenden Diagnostik sind:

  • Entwicklungsabfolgen, wie sie z.B. auf dem Weg zum Schriftspracherwerb oder zur Begriffsbildung durchlaufen werden

  • Strukturen von Lerngegenständen, wie sie z.B. beim Zahlbegriff aufgeschlüsselt sind

  • Handlungsstrukturen, wie sie z.B. bei der Lesetätigkeit von Bedeutung sind

Die Ergebnisse der lernprozessbegleitenden Diagnostik werden kontinuierlich im Sonderpädagogischen Förderplan festgehalten (vgl. Kap. 1.2).