Kontrolle von Diagnose und Behandlung hyperkinetischer Kinder in Europa
Empfehlung Nr. 1562 der Europäischen Versammlung des Europarates (2002)

1. Die Parlamentarische Versammlung ist besorgt, weil immer mehr Kinder in bestimmten Mitgliedsstaaten des Europarates die Diagnose "Aufmerksamkeits- Defizit/Hyperaktivitätsstörung" (ADHS), "Hyperkinetische Störung" oder verwandte Begriffe erhalten und mit zentralnervös wirkenden Mitteln wie Amphetaminen oder Methylphenidat behandelt werden, Mittel, die eine Konvention der Vereinten Nationen (UN) im Jahre 1971 als kontrollpflichtige Drogen einstufte (Schedule II), nachdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sie als missbrauchsgefährlich, als substanzielles öffentliches Gesundheitsrisiko und als therapeutisch wenig bis mäßig nützlich beurteilt hatte.

2. Für den Europarat als Menschenrechtsorganisation, der die Rechte der Kinder schützt und nach europaweiten Antworten auf soziale und gesundheitliche Probleme einschließlich des Drogenmissbrauchs sucht, ist dieses Thema von besonderer Bedeutung. Die Parlamentarische Versammlung unterstreicht in Übereinstimmung mit den Rechten des Kindes der Vereinten Nationen, dass immer dann, wenn Kinder betroffen sind, das Interesse des Kindes von vorrangiger Bedeutung sein muss. Kinder haben darüberhinaus das Recht auf bestmögliche gesundheitliche und medikamentöse Behandlung und Schutz vor illegalem Drogenmissbrauch.

3. Obgleich genaue Ursachen unbekannt sind, werden ADHS und hyperkinetische Störungen, definiert mit Beschreibungen anhaltender und schwerer Verhaltenprobleme mit Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität und daraus resultierenden Funktionsstörungen, von medizinischen, psychologischen und wissenschaftlichen Organisationen, einschließlich der WHO, weithin anerkannt. Die Versammlung ist dennoch besorgt darüber, dass diese Störungen mit zwei unterschiedlichen Kriterienkatalogen diagnostiziert werden: der eine stammt von der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft und ist weltweit in Anwendung ( DSM-IV*); der andere und strengere (Faktor 2*)  stammt von der WHO (ICD-10*). Die Versammlung hält es für notwendig, dass die Grundlage dieser unterschiedlichen Standards überprüft wird, um eine Klärung und Vereinheitlichung der Diagnose- und Behandlungskriterien zu erreichen. (* Anmerkung von erziehungshilfe.com)

4. Es wird allgemein anerkannt, dass diese verhaltensbezogen definierten Störungen die soziale, erzieherische und psychologische Entwicklung mancher Kinder eindeutig beeinträchtigen, ein geringes Selbstwertgefühl und emotionale sowie soziale Probleme mit sich bringen und ihre Entwicklungsmöglichkeiten ernsthaft behindern können. ADHS-Symptome können bis ins Jugend- und Erwachsenenalter reichen, verbunden mit anhaltenden emotionalen und sozialen Problemen wie Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Drogenmissbrauch. Die Belastung der Betroffenen, ihrer Familien und der Gesellschaft kann zwar nicht genau gemessen werden, kann aber beträchtlich sein.

5. Die Kontroverse um ADHS dreht sich nicht nur um die Frage, ob sie zuverlässig als Normalitätsabweichung oder Krankheit betrachtet werden kann, sondern vor allem darum, ob man solche Fälle mit zentralnervös wirkenden Stimulanzien behandeln darf, Mittel, deren symptom-reduzierende, aufmerksamkeitssteigernde und hyperaktivitätsmindernde Wirkung einige psychiatrische Studien zwar belegt haben, deren Langzeitwirkungen aber unklar sind und die keine Heilung bewirken können.

6. Die Parlamentarische Versammlung geht davon aus, dass bei Diagnose und Behandlung dieser Störungen strengere Kontrollen eingeführt werden sollten und betont die Wichtigkeit einer vorsichtigen Handhabung, solange es Zweifel an den Langzeitauswirkungen von Medikamenten gibt, auch im Bewusstsein dessen, dass Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen, wie alle seelischen und verhaltensbezogenen Störungen, einem komplexen Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren entstammen. Auch empfiehlt die Versammlung mehr Forschung zu Fragen angemessener Begleitung und erzieherischer Hilfestellungen für Kinder mit ADHS-Symptomen, zum Zusammenhang zwischen Verhalten und medizinischen Problemen wie Allergien oder toxischen Reaktionen, und zu alternativen Behandlungsformen wie z.B. Diät.

7. Die Parlamentarische Versammlung ist darüber enttäuscht, dass die pharmazeutische Industrie bisher die Werte und Prinzipien des Europarates nicht immer angemessen beherzigt hat; sie wünscht sicher zu stellen, dass die medizinische und wissenschaftliche Gemeinschaft in Zukunft im besten Interesse der Gesamtgesellschaft handelt, und sie fordert den Ministerrat auf, diese Entwicklung zu überwachen.

8. Die Parlamentarische Versammlung fordert den Ministerrat deshalb auf

a. eine Untersuchung der Diagnose und Behandlung von Kindern mit Symptomen einer ADHS in Europa durchzuführen;
b. dasjenige Vorgehen herauszustellen, dass die Rechte und Interessen dieser Kinder am besten berücksichtigt; und
c. eine Empfehlung für die Regierungen der Mitgliedsstaaten zu entwerfen, die Diagnose und Behandlung ihrer Kinder mit ADHS-Symptomen und ähnlichen Störungen unter Berücksichtigung des Prinzips der Vorsicht und der ethischen Standards gemäß den Werten und Prinzipien des Europarates zu überprüfen.

a. um Diagnose und Behandlung von Kindern mit ADHS-Symptomen und ähnlichen Störungen strenger zu überwachen;
b. um die Forschung zu Prävalenz, Ursachen, Diagnose und Behandlung (besonders im Hinblick auf alternative Behandlungen wie z.B. Diät) dieser Störungen und vor allem zu den Langzeiteffekten der für die Behandlung verordneten Psychostimulanzien und den damit verbundenen möglichen sozialen, erzieherischen und kulturellen Faktoren zu koordinieren und voran zu bringen;
c. um für Eltern hyperaktiver Kinder Informationen darüber zu erstellen, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt;

(Quelle: http://assembly.coe.int/Documents/AdoptedText/ta02/EREC1562.htm

Übersetzung aus dem Englischen: H.-R. Schmidt -Cafe Holunder)