Individualpsychologie

Prinzipien

1. Mensch als ein soziales Wesen

Die Individualpsychologie meint, dass Menschen zu Menschen gehören, d. h. dass Menschen ihre Bedeutung in den sozialen Beziehungen zu anderen Menschen gewinnen, dass gute soziale Beziehung glücklich machen. Gleichzeitig verbindet die Individualpsychologie mit dieser Aussage auch die Aufforderung, sich um gute soziale Beziehungen zu bemühen. Wir können Menschen nur gut verstehen, wenn wir sie u. a. innerhalb ihrer sozialen Beziehungen betrachten.

2. Gemeinschaftsgefühl

Menschen wollen sich zu anderen Menschen, Gruppen zugehörig fühlen. Wenn sich Menschen zugehörig fühlen, wollen sie auch beitragen. Das Gefühl der Zugehörigkeit im Menschen hängt von dem Respekt, der Achtung und dem Vertrauen ab, das er sich selbst und das andere ihm entgegenbringen. Die Faktoren für eine ungünstige soziale Entwicklung des Kindes sind mannigfaltig: Nichtbeachtung, übertriebener Schonraum oder Rücksichtnahme, grosse Erwartungshaltung, nicht Ernst genommen, erniedrigt, verletzt oder ausgelacht werden sind einige Beispiele, die bei Kindern die Bildung eines Gemeinschaftsgefühls erschweren.


3. Selbstwertgefühl ( Adler: Kompensation des Minderwertigkeitsgefühl)

Das soziale Minderwertigkeitsgefühl (das Gefühl der Unterlegenheit gegenüber anderen Menschen) wird oft mit der Herstellung einer fiktiven Sicherheit ( Adler: Geltungs- oder Machtstreben) kompensiert (vgl. auch Dreikurs: Aufmerksamkeit, Macht, Vergeltung, Selbstaufgabe). Die Bewegung vom Minus zum Plus wie es Alfred Adler nennt, kann eine positive Entwicklung in Gang setzen. Das Ziel der Individualpsychologie ist aber eine Absage an das Machtstreben und die Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls.

4. Ermutigung

Ermutigung ist der wirksamste Faktor in der psychologischen und pädagogischen Arbeit. Ermutigung bringt das natürliche Wachstumspotenzial des Menschen zur Entwicklung. Durch Ermutigung bauen wir uns selbst (Selbstermutigung) und andere auf und so ist Ermutigung die Grundlage für alle Erziehungs-, Wachstums- und Lernprozesse. Gegenseitige Ermutigung schafft ein Klima der Gleichwertigkeit. Ermutigte Menschen fühlen sich zugehörig und wollen beitragen. Ermutigungen stärken das Selbstwertgefühl eines Menschen für lange Zeit ( im Gegensatz zum  Lob (der Verstärkung), das beim Ausbleiben bereits erworbene Verhaltensprozesse rücklaüfig macht  = Extinktion)

5. Lebensstil

Die Individualpsychologie geht davon aus, dass sich ein Kind etwa in den ersten 7-8 Jahren seines Lebens Meinungen und Überzeugungen darüber bildet, was er für ein Mensch ist, wie die anderen Menschen sind, wie das Leben ist, wie die Welt ist und mit welchen Strategien er deshalb am besten leben sollte. Einige dieser Meinungen und Überzeugungen sorgen dafür, dass wir mit unserem Leben, mit anderen Menschen gut zurechtkommen. Aber leider gibt es in unserem Lebensstil auch Meinungen und Überzeugungen, die uns Probleme und Schwierigkeiten bereiten, da sie auf Irrtümern, Vorurteilen und Fehlinterpretationen beruhen.

Es gibt so viele Lebensstile, wie es Menschen gibt. Die Einzigartigkeit jedes Menschen beruht auch darauf, dass jeder Mensch seinen eigenen, unverwechselbaren Lebensstil hat.

6. Einheit

Die Individualpsychologie betrachtet den Menschen als eine Ganzheit, als eine Einheit, gleichgültig, in wie viele Teile wir sonst den Menschen gliedern. Diese Einteilung des Menschen, z. B. die psychoanalytische in ein »Ich«, ein »Es«, ein »Über-Ich«, oder andere Aufteilungen in Bewusstsein und Unbewusstes  sieht die Individualpsychologie nicht als selbständige Kräfte an.

7. Zielgerichtetheit

Adler betrachtete den Menschen als zielgerichtete Ganzheit, nur im sozialen Kontext verstehbar, aus Minderwertigkeitsgefühlen heraus nach Sicherheit und Selbstwert strebend.
Die Individualpsychologie schaut also nicht in erster Linie nach den Ursachen und Gründen, und ist deshalb der Systemik in diesem Punkt sehr verwandt. Wir können das Verhalten eines Menschen nur dann verstehen, wir seine Ziele kennen und verstehen. Die Wahl der Ziele ist subjektiv. Der Mensch als Entscheidungen treffendes Wesen kann diese Ziele verändern.

Was sind Aspekte einer individualpsychologisch orientierten Erziehung?

Das Kind  will dazu gehören und sich geliebt fühlen, es will wichtig sein, sich fähig fühlen und Einfluss nehmen sowie sich sicher und geborgen fühlen können.
Wenn Kinder das Gefühl haben, ihre sozialen Grundbedürfnisse würden nicht erfüllt, versuchen sie, diese Ziele zu erreichen: Sie fordern verstärkt Aufmerksamkeit, suchen immer wieder den Machtkampf, neigen dazu, andere zu verletzen oder flüchten in eine zur Schau gestellte Unfähigkeit und Untätigkeit. Erziehung wird dann schnell zu einer täglichen nervlichen Belastungsprobe. Können Lehrerinnen und Lehrer hinter dem störenden Verhalten jedoch die Bedürfnisse des Kindes sehen, die diesem zugrunde liegen, können sie situationsorientiert angemessen und hilfreich reagieren. Sie zeigen den Kindern einerseits Wege auf, wie sie die sozialen Grundbedürfnisse befriedigen können. Andererseits setzen sie selbst bewusst andere Akzente, sodass sich die Kinder in ihren sozialen Bedürfnisse geachtet fühlen können.
Konsequentes, ermutigendes Handeln, das Entwickeln von Kooperation und ein gekonntes Konfliktmanagement werden zu wichtigen Fertigkeiten der Erziehung. Die notwendigen Grenzen erfahren Kinder durch natürliche und logische Konsequenzen, die ihnen verantwortlich zugemutet werden.